Kanadischer Winter und eine Urlaubsbekanntschaft, die zum persönlichen Canyon-Führer wurde.

Da waren wir also – frisch angekommen in einem fremden kleinen Städtchen mitten in Kanada. Wir waren in Jasper, ein kleines Dorf inmitten der Rocky Mountains. Bekannt ist Jasper für seinen gleichnamigen Nationalpark mit atemberaubenden blauen Seen, spektakulären Bergpanoramen und einem Wildleben, dass einem manchmal näherkommt als einem lieb ist. Wer einmal Jasper in Bildersuche von Google aufruft sieht schnell, was Jasper für ein Idyll ist – im SOMMER!

Wie ihr euch vorstellen könnt, waren wir allerdings nicht in der klassischen Touristenzeit, sondern in der ersten Neujahrswoche: Januar - meterhoher Schnee, -25°C, kaum Touristen und die sonst so blauen Seen sind unter einer dicken weißen Schneeschicht begraben – kanadischer Winter „as it’s best“ eben.

Was macht man also in Jasper im Winter? Klar, man kann super Snowboarden und Ski fahren - Bei $100 Dollar Liftticket pro Person und saftigen Leihgebühren kam dies aber nicht als mehrtägige Beschäftigung in Frage.

Als „erfahrene“ Rucksackreisende sind wir natürlich fix im Herausfinden der lokalen Highlights und so kamen wir auf den Maligne Canyon. Uns war recht schnell klar, dass wir den Canyon nicht mit einer organisierten Tour machen wollten - auch wenn man uns in der Touri-Info davon abriet das auf eigene Faust zu machen. Wegen des vielen Schnee und Eis sollte man dies unbedingt mit einer geführten Tour machen, die hätten hierfür spezielle Schneestiefel mit Spikes.

Der Gedanke ein bis zwei Stunden mit einer gemischten Gruppe durch den Canyon geschleust zu werden und dafür einen mittelgroßen Betrag los zu sein, behagte uns dennoch nicht. Wir wollten uns die Zeit nehmen die wir wollen, hochklettern wo es uns sicher erscheint, Pause machen, wo wir Pause machen wollen – einfach gesagt: den Canyon individuell erleben.

Also liehen wir uns für wenige Dollar selbst Spikes für unsere Winterschuhe und fuhren zur Schlucht. Zu unserer Überraschung gab es einen offiziellen begehbaren Canyon Boardwalk. Man geht dabei allerdings nicht in den Canyon, sondern oberhalb der Schlucht entlang - mit Blick hinunter auf den zugefrorenen Strom. Man läuft auf vereisten, aber dennoch begehbaren Wegen oberhalb der Schlucht, und querte diese immer wieder über kleinere Hängebrücken. Ein Zugang hinunter gab es scheinbar nicht. So folgten wir den geführten Wegen und hatten am Ende der Tour einige spektakuläre Aufnahmen des Canyons von oben, Eiskletterern und gefroren Wasserfällen. Dennoch waren wir froh, keine Tour dafür gebucht zu haben, weil dieser Ausflug doch sehr gut selbst machbar gewesen ist.

Nach wohlverdienter Dusche saßen wir am selben Abend noch in einer Bar in der Nähe unseres Hostels. Wir kamen mit Felix ins Gespräch, ein ausgewanderter Australier, der schon längere Zeit in Jasper lebt. Natürlich fragten wir ihn auch nach guten Tipps für Unternehmungen im Winter, da die meisten Aktivitäten saisonbedingt im Winter geschlossen hatten. Er empfahl uns – welch Überraschung – den Maligne-Canyon: „We’ve already been there today, on our own“ hörte ich mich noch sagen und scrollte schon die Bilder auf dem Kameradisplay entlang. Felix nickte, schaute geduldig und meinte nur: „But...why didn’t you went into the canyon?“ Er schwärmte uns vor, dass der Boardwalk außen sicher toll sei, aber der eindrucksvollere Part sei auf dem gefrorenen Fluss die Schlucht von unten zu begehen. „You have to see this – tomorrow is my day off – I’ll take you there.“

Gesagt – Getan! Wir verabredeten uns also für den kommenden Tag. Bewaffnet mit Spikes und Kamera standen wir am nächsten Vormittag erneut am Canyon Parkplatz. Nach keinen 100 Meter Fußweg gingen wir an einer der Brücken die den Canyon quert über einen kleinen Zaun – einen steilen Weg hinab Richtung Schlucht. „Don’t worry, it’s safe. All locals are doing hikes inside the canyon“!

Er sollte recht behalten: “You have to see this”!

Auch wenn wir erst einen Tag zuvor am selben Ort waren, war dies ein völlig intensiveres Erlebnis. Wir liefen über die gefrorenen Eisflächen entlang der senkrechten Felswände. Es knackte unter unseren Beinen. War man ruhig, konnte man den Fluss unterhalb der 1m dicken Eisschicht hören. Wir kamen in kleine Zwischenräume und Höhlen entlang des Canyons, rutschen kleineren Eisflächen hinunter, kletterten mit unserem Spikes Anhöhen hinauf und standen hinter einem teils zugefrorenen Wasserfall in einer Höhle. Wir verbrachten den Tag bis es dunkel wurde dort und konnten nicht aufhören an jeder Ecke Neues zu entdecken…

Ein einmaliges Erlebnis - Wir konnten nicht glauben, was dies für einen Unterschied zum Vortag ausgemacht hatte - und dass nur weil wir zufällig in einer Bar Felix kennengelernt hatten. Ohne ihn wäre der Canyon als eindrucksvoller Boardwork an einer Schlucht in Erinnerung geblieben – so wurde es zu einem meiner absoluten Reisehighlights aus Kanada.

Ich hatte einmal den Spruch gehört, der beste Reiseführer ist ein Einheimischer.
Das kann ich nur bestätigen! Wenn immer es geht, würde ich den Kontakt mit den „locals“ suchen!